Sie schreiben seit zwei Wochen. Die Nachrichten sind freundlich, manchmal witzig, und trotzdem bleibt eine Frage offen: Wie ist dieser Mensch eigentlich? Nicht auf dem Papier, sondern im Gespräch.
Genau an diesem Punkt greifen viele wieder zur Tastatur statt zum Hörer. Verständlich, denn ein Anruf fühlt sich nach einem grösseren Schritt an. Die Forschung sagt allerdings ziemlich deutlich, dass dieses Gefühl täuscht. In diesem Beitrag zeigen wir, was ein Telefonat leistet, das fünfzig Nachrichten nicht leisten können, wann der richtige Zeitpunkt dafür ist und wie Sie den Anruf vorschlagen, ohne jemanden zu überrumpeln.
Dieser Beitrag knüpft direkt an unseren Ratgeber Wie lange sollte man schreiben, bevor man sich trifft? an. Das Telefonat ist der Schritt dazwischen.

Was die Forschung dazu sagt
Amit Kumar und Nicholas Epley haben 2021 im Journal of Experimental Psychology: General untersucht, wie Menschen wählen, auf welchem Weg sie miteinander sprechen. In einem Feldexperiment sollten 200 Personen einen alten Bekannten kontaktieren, per Telefon oder per E-Mail. Zwei Drittel wollten lieber schreiben. Sie erwarteten zwar, dass ein Anruf mehr Verbindung schafft, hielten ihn aber für zu unangenehm.
Dann wurden sie zufällig zugeteilt. Das Ergebnis: Wer anrief, fühlte sich der anderen Person danach deutlich näher, und peinlich war es nicht. Der befürchtete Unterschied bei der Unbeholfenheit war schlicht nicht messbar. Auch das Zeitargument fiel weg, denn beide Gruppen brauchten fast genau gleich lang, rund siebzehn Minuten.
In einem zweiten Experiment sprachen sich einander fremde Menschen über persönliche Fragen aus, per Textchat, per Sprachchat oder per Video. Wieder fühlten sich die Gesprächspartner mit Stimme näher, ohne dass es unangenehmer wurde. Und das Video brachte gegenüber dem reinen Sprachanruf keinen zusätzlichen Gewinn. Es ist offenbar die Stimme selbst, die den Unterschied macht, nicht das Bild. Einschränkend gehört dazu: Die Teilnehmenden dieser Experimente waren im Schnitt deutlich jünger als unsere Leserschaft. Der beschriebene Mechanismus ist allerdings kein Frage des Alters.
Warum Text hier an Grenzen stösst, hatte Justin Kruger bereits 2005 im Journal of Personality and Social Psychology gezeigt: Ohne Betonung, Tempo und Klang lassen sich Ton und Absicht schlecht übertragen — und die meisten Menschen unterschätzen dieses Problem gründlich. Wir lesen unsere eigene Nachricht mit dem Tonfall im Kopf, in dem wir sie gemeint haben. Das Gegenüber hat diesen Tonfall nicht.
Der Kipppunkt liegt bei zweieinhalb bis drei Wochen
Am aufschlussreichsten für unsere Frage ist eine Untersuchung von Artemio Ramirez und seinem Team, 2015 im Journal of Computer-Mediated Communication erschienen. Befragt wurden 433 Menschen, die über eine Dating-Plattform jemanden kennengelernt und sich anschliessend persönlich getroffen hatten. Das Durchschnittsalter lag bei rund 40 Jahren.
Das Ergebnis ist eine umgekehrte U-Kurve: Eine kurze Phase des Schreibens verbesserte das spätere Treffen, eine lange verschlechterte es. Das galt für vier von fünf untersuchten Dimensionen, darunter erlebte Nähe, Gelöstheit und die Einschätzung, ob aus der Sache etwas werden könnte. Den Kipppunkt schätzen die Autoren auf 17 bis 23 Tage, also zweieinhalb bis drei Wochen. Wer länger nur schreibt, sammelt keine zusätzliche Sicherheit mehr, sondern baut ein Bild auf, von dem der echte Mensch dann abweicht.
Und noch ein Befund aus derselben Studie passt genau zu unserem Thema: Wer vor dem Treffen mehr verschiedene Kanäle genutzt hatte, also neben der Plattform auch Telefon, Videochat oder Nachrichten, berichtete anschliessend von mehr Nähe und Gelöstheit beim Treffen. Das ist ein Zusammenhang und kein Beweis für Ursache und Wirkung, aber er zeigt in dieselbe Richtung wie alles andere.
Warum das so ist
Ein Erklärungsansatz, der gut zu diesen Befunden passt: Beim langen Schreiben entsteht ein Bild. Man füllt die Lücken zwischen den Nachrichten mit eigenen Annahmen, meist mit freundlichen. Je länger das dauert, desto vollständiger wird dieses Bild — und desto sicherer weicht der echte Mensch davon ab.
Ein Anruf unterbricht diesen Vorgang früh. Sie hören Tempo, Pausen, Humor, ob jemand zuhört oder wartet, bis er wieder dran ist. Nichts davon steht in einer Nachricht, und alles davon entscheidet mit, ob ein Treffen sich lohnt.

Der richtige Zeitpunkt
Als Faustregel: nach einigen Tagen regelmässigen Austauschs, spätestens nach zwei Wochen, und in jedem Fall vor dem ersten Treffen. Damit bleiben Sie deutlich vor dem Kipppunkt, den die Forschung bei rund zweieinhalb Wochen ansetzt.
Ein guter Anlass ergibt sich meist von selbst: wenn ein Thema zu lang für die Tastatur wird, wenn ein Treffen konkret werden soll, oder wenn Sie merken, dass Sie beide anfangen, Romane zu tippen.
Wie Sie den Anruf vorschlagen
Nicht überfallen, sondern verabreden. Ein Anruf ohne Vorankündigung setzt die andere Person unter Druck, weil sie vielleicht gerade im Zug sitzt oder Besuch hat.
Drei Formulierungen, die funktionieren:
- „Ich würde gerne einmal Ihre Stimme hören. Passt es Ihnen morgen Abend um sieben für zwanzig Minuten?“
- „Über das Thema schreibe ich mir gerade die Finger wund. Sollen wir kurz telefonieren?“
- „Bevor wir uns treffen, würde ich gerne einmal sprechen. Wann passt es Ihnen?“
Zum Umgang mit der Nummer: Sie müssen Ihre Telefonnummer nicht sofort herausgeben. Am einfachsten ist ein Sprach- oder Videoanruf über die Plattform oder einen Messenger. In der Schweiz lässt sich die eigene Nummer für einen einzelnen Anruf auch unterdrücken, indem Sie #31# direkt vor die Nummer setzen. Bedenken Sie dabei den Nebeneffekt: Viele Menschen nehmen anonyme Anrufe grundsätzlich nicht entgegen. Der Weg über die Plattform ist deshalb meist der bessere. Und wer Ihnen Zurückhaltung bei der Nummer vorwirft, sagt damit mehr über sich als über Sie.
Die ersten Minuten
Zwanzig Minuten sind ein gutes Mass für das erste Telefonat. Lang genug, dass sich ein Gespräch entwickelt, kurz genug, dass niemand sich verpflichtet fühlt. Zum Vergleich: In der Untersuchung von Kumar und Epley dauerten die Anrufe im Schnitt gut siebzehn Minuten.
- Suchen Sie sich einen ruhigen Ort. Nebengeräusche machen Gespräche anstrengender, als man denkt, und das gilt in beide Richtungen.
- Rechnen Sie mit einer holprigen ersten Minute. Die haben fast alle. Sie sagt nichts über den Rest aus.
- Fragen Sie und antworten Sie im Wechsel. Das ist keine Höflichkeitsregel, sondern der wirksamste Teil eines Kennenlerngesprächs.
- Beenden Sie es, solange es angenehm ist. „Ich habe gleich einen Termin, aber das war schön“ ist ein guter Schluss.
Was Sie danach wissen
Nach zwanzig Minuten am Telefon wissen Sie Dinge, die aus fünfzig Nachrichten nicht hervorgehen: ob Sie miteinander lachen können. Ob jemand zuhört oder auf seine nächste Gelegenheit wartet. Ob Widersprüche zu den Profilangaben auffallen. Ob Sie sich auf ein Treffen freuen oder eher erleichtert auflegen.
Diese letzte Information ist die wertvollste. Sie erspart Ihnen unter Umständen einen Abend, den Sie höflich absitzen.
Wenn jemand nicht telefonieren will
Hier lohnt sich eine Unterscheidung, die in Ratgebern oft fehlt. Es gibt harmlose Gründe: Manche Menschen hören schlecht und tun sich am Telefon schwer, andere sind am Telefon einfach unsicher oder arbeiten in Schichten. In solchen Fällen hilft ein Vorschlag statt eines Verdachts, etwa ein Videoanruf oder ein paar Sprachnachrichten.
Verdächtig wird es, wenn über Wochen jeder Termin platzt, wenn Ausreden immer technischer Natur sind oder wenn zugleich auf einen privaten Kanal ausserhalb der Plattform gedrängt wird. Diese Kombination gehört zu den Mustern, die wir im Beitrag über Romance Scam beschrieben haben.
Sicherheit geht vor
Ein Telefonat ersetzt keine Vorsicht, es ergänzt sie. Für das erste persönliche Treffen gilt weiterhin, was wir im Beitrag über das sichere erste Treffen beschrieben haben: öffentlicher Ort, eigene Anreise, jemand weiss Bescheid. Und unabhängig davon, wie sympathisch jemand am Telefon klingt: Geld hat im Kennenlernen nichts zu suchen.

Fazit: einmal hören sagt mehr als zweimal lesen
Wer den Anruf hinauszögert, tut das fast immer aus einem Grund, den die Forschung als unbegründet ausweist: der Angst, es könnte unangenehm werden. Es wird in aller Regel nicht unangenehm. Es dauert nicht länger als das Schreiben. Und es beantwortet in zwanzig Minuten Fragen, an denen sich zwei Wochen Chat abarbeiten.
Wie eine gute erste Nachricht gelingt, die überhaupt bis dahin führt, haben wir hier beschrieben.
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Häufige Fragen
Nach einigen Tagen regelmässigen Schreibens, spätestens nach etwa zwei Wochen und auf jeden Fall vor dem ersten persönlichen Treffen. Die Forschung setzt den Kipppunkt, ab dem längeres Schreiben schadet, bei etwa zweieinhalb Wochen an.
Nein. Ein Anruf über die Plattform oder einen Messenger geht genauso. Die eigene Nummer lässt sich für einzelne Anrufe auch unterdrücken, allerdings nehmen viele Menschen anonyme Anrufe nicht entgegen.
Beides funktioniert. In der Untersuchung von Kumar und Epley brachte das Video gegenüber dem reinen Sprachanruf keinen messbaren Zusatznutzen. Wer sich vor der Kamera unwohl fühlt, verpasst also nichts.
Rund zwanzig Minuten. Aufhören, solange es angenehm ist, wirkt besser als ein Gespräch, das ausläuft.
Das sind viele, auf beiden Seiten. Zwei, drei Fragen vorher zu notieren, hilft mehr als jede Vorbereitung auf gute Antworten.






